- Konkurrenzkampf -

Gut oder schlecht? Motivieren Vergleiche oder schüchtern sie uns ein?

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Vielfach wird gesagt, dass wir in einer Ellenbogen Gesellschaft leben. Schon unser Schulsystem baut auf Vergleichen untereinander auf und verankert Konkurrenzgedanken bei uns. Das System können wir wohl nicht einfach so ändern, aber vielleicht können wir bei uns etwas tun, um besser damit umzugehen?

Wir fallen, je nachdem in was für einer Konkurrenzsituation wir uns befinden, in eine von zwei Verhaltensmustern. Das erste Muster ist, dass uns Gedanken überkommen wie „jetzt erst recht“ und wir einen gewissen Siegeswillen entwickeln. Wir wollen den Kampf aufnehmen -„koste es was es wolle“. Manche haben hierbei auch die Tendenz in Richtung Skrupellosigkeit zu verfallen. Das zweite Muster ist eins, bei dem wir uns schnell niedergeschlagen fühlen, in dem uns Angst und Stress überkommen. In dem wir eine gewisse Gleichgültigkeit entwickeln, uns lieber abbringen lassen und uns mit dem Ergebnis zufrieden geben, zu dem es eben kommt.

In was für Situationen kommt es zu Konkurrenzkämpfen?

Eine Situation, die mir als erstes in den Kopf kommt, ist die, wo eigentlich gar keine wirkliche Konkurrenz besteht bzw. bestehen müsste. In denen das Ergebnis eines Einzelnen, nicht das eines Anderen tangiert und Konkurrenz nur in den Köpfen entsteht. So zum Beispiel während meines Studiums. Ich habe das Grundstudium in Jura absolviert, was so einige Hausarbeiten und Recherchen in Gesetzestexten bedeutete. Bei einigen Fällen kam es darauf an viele Urteile, Texte und Artikel zu lesen, zu vergleichen und mit einander in Bezug zu stellen. Da man diese Vielzahl an Texten natürlich nicht alle bei sich zu Hause haben konnte, war man auf die juristische Bibliothek angewiesen. Jedes Buch hatte einen zugewiesenen Platz und durfte nur eine bestimmte Zeit aus dem Regal herausgenommen oder ausgeliehen werden. Eigentlich ein super System, welches allen Studenten eine faire Quellensichtung ermöglichen sollte. Eigentlich. Wären da nicht die Studenten gewesen, die innerlich einen Konkurrenzkampf ausfochten, obwohl im Außen keiner war. Da gab es nämlich diejenigen, die anfingen bestimmte Bücher und Hefte zu verstecken. Kommilitonen, die die gleiche Arbeit schrieben, sollten nicht auf die Bücher und die entscheidende Passage stoßen. Sie wollten die Einzigen sein, die bestimmte Stellen gefunden hatten und zitieren konnten. Wichtige Informationen wurden nicht einmal mit Freunden geteilt. Dabei haben sie wohl vergessen, dass ihre gute Note kein Deut schlechter gewesen wäre, hätte ein Anderer ebenfalls die gleiche gute Note erhalten. Noten wurden nach Erfüllen bestimmter Kriterien und der Fähigkeit der differenzierten Betrachtung gegeben und nicht im Vergleich untereinander.

Oder macht es glücklicher der Einzig wirklich gute Absolvent einer Arbeit zu sein? Fühlt sich eine sehr gute Note schlechter an, wenn es weitere sehr gute gibt?

Es mag sehr zielstrebigen Studenten vielleicht im ersten Moment ein befriedigendes Gefühl geben, die beste Arbeit geschrieben zu haben und die Anerkennung von Außen für diese Leistung zu bekommen. Doch innerlich wissen sie, dass dieser Kampf alles andere als fair war. Sie haben Anderen die Möglichkeit genommen, ebenfalls so gut zu sein. Sie haben betrogen. Und das ist kein gutes Gefühl, aber mit Sicherheit eines, was mit dieser Arbeit und Note immer mit einhergehen wird. Im Endeffekt bringt es Ihnen also keinen Vorteil. Die gute Note hätten sie so oder so - dafür spielt es keine Rolle, ob andere diese auch erreichen oder nicht - dazu kommt nur das schlechte Gefühl. Das Gefühl, dass sie nur durch Betrug eine aus der Menge herausragende Note bekommen konnten. Wenn ihr mich fragt, unterm Strich, kein sonderlich tolles Gesamtresultat.

Und dann gibt es da noch die Situationen, in denen von Außen eine Konkurrenzsituation geschaffen wird. Beispielsweise, wenn der Arbeitgeber eine Prämie verspricht - für denjenigen der Projekt xy am besten ausarbeitet. Hier herrscht nun tatsächlich Konkurrenz. Wie man sich in einer solchen Situation verhält, hängt oftmals von unterschiedlichen Umständen ab. Ist man der Typ für Muster eins oder Muster zwei? Wie groß ist das Interesse an versprochener Prämie? Wird hier mit fairen Mitteln konkurriert, kann dies auf jeden Fall motivierend sein und zu besonders guten Ergebnissen führen. Entscheidend für einen motivierenden Konkurrenzkampf ist aber auch WER mit WEM verglichen wird.

Ich glaube hier liegt allermeist das Problem - der Maßstab mit wem wir uns wie vergleichen. Wir selber erschaffen innerlich häufig Konkurrenzkämpfe, die schwachsinnig sind. Schwachsinnig erstens, weil sie nur im Inneren entstehen und im Äußeren gar nicht da sind - so wie bei unseren zielstrebigen Studenten. Oder schwachsinnig, weil wir uns mit Menschen vergleichen und konkurrieren wollen, die ganz Anders sind als wir. Mit denen wir uns eigentlich gar nicht in Konkurrenz befinden können, da sie ganz andere Stärken, Ziele und Fähigkeiten haben als wir. Vergleicht sich ein Löwe mit einem Affen, und erschafft einen Kampf, wer am besten Klettern kann, kann er dort nur als Verlierer rausgehen. Seine besonderen Fähigkeiten liegen in anderen Dingen, wie in Geschwindigkeit zum Beispiel. Und so ist es auch bei uns Menschen. Vergleiche und Konkurrenzkämpfe mit Menschen, die völlig andere Stärken haben als wir, bringen uns nichts, außer einen Dämpfer für unser Selbstwertgefühl. Wir sollten also, bevor wir uns mit Anderen vergleichen, genau gucken, ob ein Vergleich überhaupt Sinn macht.

Oder ob es nicht viel sinnvoller wäre, miteinander als gegeneinander zu arbeiten. „A candle loses nothing by lighting another candle" (James Keller). Und genauso ist es. Wir verlieren nichts, wenn wir jemand Anderem helfen. Wenn wir etwas von unserem Wissen, von unseren Fähigkeiten weitergeben. Das Gegenteil ist der Fall, wir gewinnen. Wir gewinnen, weil es uns von Naturaus glücklich macht zu geben. Wir gewinnen, weil wir auf diese Weise Beziehungen stärken. Wir gewinnen, weil wir einen Mehrwert geben und somit auch mehr (Selbst-)Wert spüren. Wir gewinnen vielleicht sogar eine „Win Win“ Situation, da sobald man Selber gibt, oftmals auch der Andere bereit ist etwas zu geben. Wir Menschen sind vom Wesen her keine Einzelgänger, sondern glücklich in starken Gemeinschaften. Und je mehr jeder Einzelne von uns seine Stärken teilt, desto kraftvoller werden wir alle. Okay - das wird jetzt sehr spirituell. Aber erinnere Dich einmal an eine Situation, in der Du jemandem geholfen hast und ihr gemeinsam eine Lösung geschaffen habt. Und dann erinnere Dich an eine Situation, in der Du gegen Andere gearbeitet hast. Wann warst DU glücklicher? Welche Situation hat DIR das bessere Gefühl gegeben? Ich habe eindeutig die Situationen in glücklicherer Erinnerungen, in denen ich Andere unterstützt habe und mit Wohlwollen entgegen getreten bin, als die Situationen, in denen ich mich in Konkurrenz gesehen habe.

Alles in allem finden die meisten Konkurrenzkämpfe gar nicht tatsächlich, sondern nur in unserem Inneren statt. Hier dürfen wir uns immer wieder fragen, ob dieser Vergleich denn irgendeinen Sinn macht. Und wenn wir uns unbedingt vergleichen wollen, dann am allerbesten mit uns selbst - mit der Person die wir gestern waren.

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